Tianxia #24: Wuxia – Eine Einladung zur Lektüre

Ein Gastbeitrag von Tobias Reckermann

Die Herleitung aus der Mythenwelt Chinas, die klassischen Romane chinesischer Literatur, die Erzählungen über die Richter Di Renjie und Bao Zheng, die modernen Autoren – jeder dieser Ankerpunkte könnte als Anfangspunkt genannt werden und sie alle bilden eine kulturelle Einheit und Linie, von deren Anfang bis zu deren Endpunkt sich Wuxia verdichtet und schließlich als geschlossene Gestalt hervorgeht. (*)

In dieser Serie wurden bereits die Essentials des Genres Wuxia besprochen, ich möchte dem eine kommentierte Literaturliste hinzufügen.

Erschwert wird einem die Lektüre im Original chinesischer Wuxia-Literatur durch den Mangel an Übersetzungen. Lediglich zwei Autoren und ein halbes Dutzend ihrer Werke sind ins Englische übertragen worden, nicht eines bisher ins Deutsche. Dafür lässt sich das Feld mittels der Lektüre auch anderer Werke eingrenzen und wenn man eine Weile damit zubringt, mag einem auffallen, dass chinesische Fantasy tatsächlich großen Einfluss auf westliche Popkultur ausübt. Ich habe Jahre damit verbracht, mich durch diesen Dschungel zu schlagen. Nicht zuletzt, da ich nach früher Begeisterung durch Kung Fu-Filme selbst Wuxia zu schreiben beschlossen habe. Meine Romane „Das Schlafende Gleis“ und „Langfaust“ (WhiteTrain, 2014), sowie drei Erzählungen aus dem Band „Graund“ (WhiteTrain, 2016) sind explizite Beiträge zum Genre.

Diese Liste versteht sich als Anreiz zur weiterführenden Lektüre und ist nicht auf Vollständigkeit angelegt. Die bibliographischen Angaben richten sich nach der Verfügbarkeit der Werke und nach meiner eigenen Leseliste. Trotzdem scheint mir die Aufzählung offiziell übersetzter Wuxia-Romane aus dem Chinesischen (wenn auch nicht der Übersetzungen selbst) komplett zu sein. Unter Weitere ließen sich noch einige Romane englischsprachiger Autoren aufführen, weiterhin eine Reihe von Comics und Graphic Novels, sowie Sekundärliteratur. Einen Fundus an inoffiziellen „Fan-“Übersetzungen chinesischer Wuxia-Literatur bieten Webseiten wie www.wuxiasociety.com. Eine vollständige Liste mir bekannter Werke des Genres in englischer und deutscher Sprache, sowie dem Genre nahestehender Publikationen führe ich auf der Facebookseite www.facebook.com/wuxialiterature.

 

Literaturliste

Drei Klassiker chinesischer Romanliteratur:

  • Luo Guanzhong: Romance of the Three Kingdoms (Tuttle, 2014, übersetzt von Yu Sumei / Die Drei Reiche, Insel Verlag 1981, übersetzt von Franz Kuhn)
  • Shi Naian: Water Margin – Outlaws of the Marsh (Tuttle, 2010, übersetzt von J. H. Jackson / Die Räuber vom Liang-Schan-Moor, Insel Verlag, 1975, übersetzt von Franz Kuhn)
  • Wu Cheng’en: Journey to the West (Tuttle, 2008, nacherzählt von Timothy Richard / Der rebellische Affe – Die Reise nach dem Westen, Rowohlt, 1961, übersetzt von Georgette Boner und Maria Nils nach der englischen Übersetzung von Arthur Waley)

Zwei dieser Romane, Romance of the Three Kingdoms und Water Margin kann man im wesentlichen als historische Erzählungen betrachten. In ihnen finden sich Darstellungen von Ritterlichkeit (Three Kingdoms) und Rebellentum (Water Margin), die ein für Wuxia konstituierendes Spannungsfeld eröffnen. Journey to the West lässt sich hingegen als Fantastik beschreiben. Die Abenteuer des Monkey King finden in mystischen Sphären statt und sind voller Fabelwesen und Magie.
Eine bekannte Adaption der Abenteuer des Monkey King ist die Anime-Serie Dragon Ball.

Weitere chinesische Klassiker:

  • Die Fälle des Richters Bao Zheng, nach der mündlichen Überlieferung durch Shi Yukun, transkribiert von Yu Yue: The Seven Heroes and Five Gallants (Chinese Literature Press, 1997, übersetzt von Song Shouquan)
  • Die Fälle des Richters Di Renjie von einem anonymen Verfasser: Dee Goong An, Celebrated cases of Judge Dee (Dover Publications, 1975, übersetzt von Robert Van Gulik / Merkwürdige Kriminalfälle des Richter Di, Diogenes, 1960) – siehe auch die weiteren Richter-Di-Romane von Robert Van Gulik

Die Richter Bao Zheng und Di Renjie sind in ihrer Funktion als Detektive und Rechtsausleger sowohl Volkshelden, als auch Beispiele für Erzählmuster, die sich der mündlichen Tradition Chinas ähnlich eingeprägt haben, wie im westlichen Erzählkosmos etwa Sherlock Holmes oder Miss Marple.
The Seven Heroes and Five Gallants entstammt der mündlichen Erzähltradition des chinesischen Mittelalters. Robert Van Guliks Romane und Erzählungen machten Di Renjie in Europa bekannt.
Pu Songling: Strange Tales from a Chinese Studio (Penguin Classics, 2006, übersetzt von John Minford / Aus der Sammlung Liao-dschai-dschi-yi, Verlag Die Waage, 1987 – 1992, übersetzt von Gottfried Rösel)
Strange Tales from a Chinese Studio besetzt ein weiteres Feld chinesischer Fantastik, die Geistergeschichte. Übernatürliche Phänomene finden sich hier ähnlich wie in europäischen Schauergeschichten oder Japans großer Sammlung von Spukgeschichten, dem Kwaidan.

Wuxia-Romane von Louis Cha / Jin Yong:

  • The Book and the Sword (Oxford University Press, 2004, übersetzt von Graham Earnshaw)
  • The Deer and the Cauldron (Oxford University Press, 2005, übersetzt von John Minford)
  • Fox Volant of the Snowy Mountain (China University Press, 1993, übersetzt von Olivia Mok)
  • A Hero Born: Volume I of The Condor Heroes (MacLehose Press, angekündigt für 2018, übersetzt von Anna Holmwood)

Louis Cha ist der meistgelesene Wuxia-Autor und seine Werke rangieren unter den weltweit meistverkauften Büchern überhaupt weit vorn. Wiederkehrendes Motiv vieler seiner Romane ist der Kampf der Han-Chinesen gegen Besatzungsmächte wie die Mongolen oder Mandschuren. Wenig fantastisch – oder gar nicht, wenn man Qi-Kraft als physikalische Gegebenheit hinnimmt – sind alle seine Werke pseudohistorisch, in ihnen entfaltet sich dafür das Wesen des Wuxia zur klassischen Form.

Andere Wuxia-Klassiker:

  • Gu Long: The Eleventh Son (Homa & Sekey Books, 2004, übersetzt von Xiao Shiyilang)
  • Huanzhulouzhu: Blades from the Willows (Wellsweep Press, 1991, übersetzt von  Robert Chard)
  • Wang Du Lu: Crouching Tiger, Hidden Dragon (ComicsOne, 2002 – 2005, Adaption von Andy Seto)

Blades from the Willows sticht insofern heraus, als hier anders als bei dem Altmeister Louis Cha ein hohes Maß an Fantastik herrscht. Crouching Tiger, Hidden Dragon ist sowohl als Manhua-Comic-Reihe, als auch als Kinofilm adaptiert worden.

 

Weitere:

  • Kagen McLeod: Infinite Kung Fu (Topshelf Productions, 2011)
    Infinite Kung Fu versammelt zahlreiche Tropen und Figuren aus Kung Fu-Filmen der Shaw Brothers in einer einzigen episch angelegten Wuxia-Story.
  • Uen Chen: Helden der östlichen Zhou-Zeit (Chinabooks E. Wolf, Band 1 und 2: 2017, Band 3 angekündigt für 2018, übersetzt von Marc Hermann)
    Ein historisch angelegter Manhua-Comic, ähnlich dem klassischen Roman Romance Of the Three Kingdoms.
  • Hua Yu: „Blood and Plum Blossoms“. In: The Past and the Punishments (University of Hawaii Press, 1996, übersetzt von Andrew F. Jones)
    Diese Erzählung tradiert die Klischees der Wuxia in eine postmoderne Form.
  • Sean Russell: The Initiate Brother (DAW Books, 1991 / Der Erleuchtete, Heyne, 2000)
  • L. G. Bass: The Sign of the Qin (Hyperion Books, 2006 / Das Zeichen der Qin, Arena, 2005)
    Das bislang wohl einzige in deutscher Übersetzung vorliegende stilechte Wuxia-Werk.
  • M.H. Boroson: The Girl with Ghost Eyes (Talos, 2015)
  • Albert A. Dahlia: Dream of the Dragon Pool – A Daoist Quest (Pleasure Boat Studio, 2007)
    Zwei fantastische Romane, die den Geist des Wuxia exemplarisch auf den Punkt bringen.
  • Joseph J. Bailey:  Shadow’s Rise – Return of the Cabal – Chronicles of the Fists #1 (Joe Bailey, 2012) und die Fortsetzungen Shadow’s Descent und Lords of Light
  • Barry Hughart: Bridge of Birds (St. Martin’s Press, 1984 / Die Brücke der Vögel, Krüger, 1986) und weitere Meister-Li-Romane
    Für Bridge of Birds erhielt Barry Hughart einen World Fantasy Award.
  • Margaret B. Wan: Green Peony and the Rise of the Chinese Martial Arts Novel (State University of New York Press, 2010)
  • Chen Kaiguo und Zheng Shunchao: Opening the Dragon Gate (Tuttle, 1996 / Der geheime Meister vom Drachentor, Lotus Press, 2009)
    Eine Biographie, die für westliches Denken nur als fantastisch aufzufassen ist und die tiefe Einblicke in taoistisch-magisches Denken bietet.

 

(*) Diese Liste erschien zuerst im Rahmen eines Artikel in IF Magazin #3, 2016, herausgegeben bei WhiteTrain (www.whitetrain.de). Die Ausgabe widmet sich speziell der Kung Fu Fantasy (also Wuxia) und fernöstlichen Geistergeschichten. Das IF – Magazin fuer angewandte Fantastik ist erhältlich bei Amazon: https://www.amazon.de/IF-Magazin-fuer-angewandte-Fantastik/dp/1530417295/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1513346984&sr=1-3&keywords=if+magazin

 

Der Artikel selbst ist auf www.nighttrain.whitetrain/[…] nachzulesen.


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