Tianxia #18: Samurai – Eine Einleitung

In einem früheren Blog-Artikel zu „Tianxia‟ hat Dominik bereits die Comicserie „Usagi Yojimbo‟ zur Sprache gebracht – und mir damit den Weg zu diesem Artikel geebnet. Denn denkt man sich die Hasenohren, das weiße Fell und den Puschel am Hintern weg, ist Usagi ein ganz typischer Protagonist japanischer Samurai-Geschichten. Seit den späten 50er Jahren sind diese Geschichten dank der Pionierarbeit einiger Filmemacher auch bei uns ein Begriff. Und weil es sich bei den Samurai um heldenhafte, asiatische Schwertkämpfer dreht, müssen sie sich doch eigentlich wunderbar in „Tianxia‟ einbinden lassen, oder?

 

Na klar!

 

Aber ein Schritt nach dem anderen. Unsere Samurai lassen sich dafür ein paar Blogbeiträge Zeit. In den nächsten Artikeln werde ich nach und nach auf Samurai-Geschichte und -Geschichten eingehen. Und wie man die chinesischen „Tianxia‟-Regeln auf das japanische Samurai-Genre ummünzen kann natürlich auch. Erst einmal ein kurzer Überblick, was euch erwartet:

 

  1. Samurai – Eine Einleitung: Lest ihr grade, Freunde. Und macht gerne damit weiter. Gleich bekommt ihr nämlich einen kurzen Abriss über den Samurai als Heldentyp und die Geschichte der japanischen Kriegerkaste.
  2. Samurai auf der Leinwand: Ab hier geht’s dann um der Samuraifilm. Ich stelle das Genre vor, nenne seine wichtigsten Macher und gebe euch eine umfangreiche Medienliste zur Inspiration mit auf den Weg.
  3. Samurai eine Medienliste: Samurai-Geschichten gibt es wie Sand im Zen-Garten. Hier eine Auswahl.
  4. Samurai – Wuxia trifft Chanbara: In diesem Artikel beleuchte ich, welche Unterschiede zwischen Kämpfen im Wuxia-Film und solchen im Samurai-Film bestehen. Und damit ihr es auch am Spieltisch krachen lassen könnt, versuche ich mich an ein paar Anpassungen für die „Tianxia‟-Kampfregeln.
  5. Samurai – Neue Stile: Kampftechniken für den Samurai
  6. Samurai – Der Weg des Samurai: In diesem Artikel umreiße ich den Bushido, den kriegerischen Verhaltenskodex der Samurai. Vielleicht wollt ihr ja sogar „Turbo-Tianxia‟ auf Basis der Bushido-Tugenden spielen. Nach der Lektüre dieses Artikels geht das.
  7. Samurai – Ninjo vs. Giri: Die rigide Gesellschaftsstruktur Japans brachte die Samurai immer wieder in moralische Zwickmühlen. In diesem Artikel mache mir daher ein paar Gedanken, wie sich der daraus erwachsene Ninjo-Giri-Konflikt in „Fate‟ umsetzen lässt. Ihr versteht kein Wort? Lesen!
  8. Samurai – Tenka – Mehr unter dem Himmel: Die Bewohner von Shénzōu glauben, sie wüssten Bescheid über alles unter dem Himmel. Doch die Bewohner von Ōyashima, des Reiches der östlichen Inseln, haben auch ein Wörtchen mitzureden. Dieser Artikel erweitert die Welt von Tianxia um ein Äquivalent zu Japan, mit ein paar Schauplätzen, NSC und Aspekten.
  9. Samurai – Tenka-Beispielcharaktere: Der siebte Artikel. Eine Zahl mit Bedeutung. Denn dieser Beitrag stellt insgesamt sieben Samurai bereit, die ihr direkt in eurer Kampagnen nutzen könnt, wahlweise als Spielercharaktere oder NSC.

 

Soweit der Überblick. Jetzt aber endlich zum Kern der Sache!

Xia und Samurai

Samurai. Dieser Begriff weckt Assoziationen. Jeder Japanfreund, Anime-Fan und Gamer weiß etwas damit anzufangen. Und wer bei „Tianxia‟ einen Samurai spielen will, der braucht ein klares Bild. Auf den ersten Blick ähneln die japanischen Samurai den Xia aus den chinesischen Geschichten sehr. Doch steigt man etwas tiefer ein, treten die Unterschiede deutlich hervor.

Zunächst grenzen sich Samurai hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Rolle von typischen Wuxia-Helden ab. Obwohl, was heißt typisch? Ein Xia kann ja theoretisch aus allen Lebensbereichen stammen. Der General der kaiserlichen Armee, die matronenhafte Herbergsmutter und der alte zahnlose Bettler: All das sind mögliche Anwärter für die Hauptrolle in einer Wuxia-Geschichte.

In Samurai-Stories ist die gesellschaftliche Stellung des Protagonisten viel stärker festgeschrieben. Das hängt mit der strikten Hierarchie im feudalen Japan zusammen: Alle Samurai gehörten einer Art Kriegeradel, den Buke an. Na schön, zumindest meistens. Es gab durchaus Phasen in der Geschichte Japans, in der Leute aus den niederen Ständen selbst Samurai werden konnten (etwa während der Sengoku-Periode). Und dann gab es noch die Rōnin, herrenlose, wandernde Samurai. Nominell waren sie immer noch Edelleute, doch besaßen viele von ihnen kaum mehr als ihre Schwerter. Diese beiden Gruppen stehen den gesellschaftlich flexiblen Xia natürlich nahe. Kein Wunder, dass die meisten Samurai-Geschichten genau sie zu ihren Protagonisten erkoren haben.

Als eine der herrschenden Schichten hatten die Samurai viele Privilegien inne. Dazu gehörte auch das grausame Recht einen Untergebenen einfach zu töten, sollte der Samurai sich von ihm beleidigt fühlen. Selbst ein streunender Rōnin mit merklichem Hygieneproblem konnte von einem Bauern Respekt erwarten – der Protagonist im Samuraifilm „Yojimbo‟ hat diesen Umstand am Fleischtopf und an der Sakeflasche mächtig ausgenutzt.

Doch wo Rechte sind, sind natürlich auch Pflichten. Jeder Samurai folgte, so das allgemeine Bild, einem strengen Ehrenkodex, dem Bushidō. Dieser hielt ihn zu Mut, Ehre und Höflichkeit an. Und natürlich zu Gehorsam. Ähnlich einem europäischen Ritter hatte auch ein Samurai seinem Lehnsherren, dem Daimyō, bedingungslos die Treue zu halten. Dies ging soweit, dass der Daimyō von seinem Samurai sogar die rituelle Selbsttötung (Seppuku) verlangen konnte. Dies wurde allerdings nur angeordnet, wenn der Samurai schwere Schande auf sich geladen hatte. Bei der Seppuku-Zeremonie schnitt sich der Samurai mit einem Dolch den Bauch auf, damit nach japanischer Vorstellung die Seele entweichen konnte. Dann wurde ihm von einem Sekundanten der Kopf abgeschlagen. Die Schmach galt damit als abgegolten.

Optisch ist der Samurai ebenfalls deutlich zu erkennen, an seinen Waffen. Jeder Samurai trägt ein Daishō an seiner Seite, ein Schwerterpaar. Es besteht traditionell aus einer langen Klinge, dem Katana, und einer kurzen Klinge, dem Wakizashi. Die Scheide ist dabei so angelegt, dass die schneidende Seite der Klingen nach unten zeigt. Ebenfalls typisch für Samurai war der Chonmage, ein spezieller Haarknoten. Er ragte von der hinteren Seite des Kopfes auf. Das Haar davor war bis an die Stirn ausrasiert. In Friedenszeiten war der Kimono das Kleidungsstück der Wahl. In der Schlacht trugen Samurai hingegen Rüstungen aus Leder, Metall oder Bambus mit beweglichen Schulterplatten und verzierten Helmen. Auch dämonisch grinsende Masken, die die untere Hälfte des Gesichtes bedeckten, waren verbreitet.

Ein weiterer Unterschied zwischen Samurai und Xia zeigt sich in ihrem Verhältnis zu Autoritäten. Wo der Wuxia-Held die soziale Ordnung auch schon einmal mit Füßen tritt, ganz buchstäblich, ist der Samurai ein Befehlsempfänger. Schon im Wort Samurai schwingen Demut und Gehorsam mit. Wörtlich aus dem Japanischen übersetzt bedeutet es Diener oder Gefolgsmann. Die Bezeichnung Samurai für den japanischen Kriegerstand kam aber erst im 16. oder 17. Jahrhundert überhaupt auf – vorher war es der Begriff für die Wachen des Kaisers. Viel verbreiteter war die Bezeichnung Bushi, was einfach Krieger bedeutet.

Die Zeit der Samurai

Die Geschichte der Samurai ist voller Aufs und Abs. Zur besseren Benutzbarkeit am Spieltisch will ich daher vor allem auf vier Epochen eingehen.

Die Heian-Periode (Der Ursprung der Samurai)

Die Anfänge der Samurai sind unspektakulär. Vor Ende des 8. Jahrhunderts rekrutierte sich die japanische Armee, wie die chinesische auch, durch die Wehrpflicht. Doch Kaiser Kammu hielt das System für zu ineffektiv und schaffte es im Jahr 792 kurzerhand ab – die schlechten Leistungen der Soldaten in seinen Expansionskriegen könnten den Ausschlag dazu gegeben haben. Kammu setzte in der Folge auf Freiwillige, doch ihre Zahl war zu gering. Die Großbauern und Grundbesitzer in den entlegenen Gebieten mussten sich also selbst verteidigen: Die Geburtsstunde der späteren Samurai-Clans.

Die Sengoku-Periode (Die Festigung der Macht)

Ab dem 12. Jahrhundert schlitterte Japan in eine bewegte Zeit voller Konflikte. Der Mongolenherrscher Kublai Khan griff das Inselreich mehrfach an. Chaos und Hunger waren die Folge. Die Kaiser verloren an Einfluss, während ihre Shōgune, die Oberbefehlshaber der Samurai, die eigentliche Macht im Staate hatten. Je weiter die Hauptstadt entfernt war, desto mehr regierten die jeweiligen Daimyō, die Vasallen des Shōguns, nach Gutdünken. Das führte Ende des 15. Jahrhundert dann zur Sengoku-Zeit – Japans ganz eigener „Zeit der streitenden Reiche‟, während der viele Provinzen Krieg gegeneinander führten.

Die Edo-Zeit (Der Niedergang der Samurai)

Mit dem Ende der Sengoku-Zeit und der Einigung Japans durch Tokugawa Ieyasu, begann die Edo-Zeit, benannt nach der neuen Hauptstadt (das heutige Tokyo). Damals wandelte sich die Samuraikaste vom Krieger- zum Beamtenstand – das Daishō hatte nur noch symbolische Bedeutung. Als Shōgun Tokugawa dann die Daimyō anwies, ihre Armeen zu verkleinern, fluteten Rōnin die Städte und Dörfer. Das bekannte Epos der „47 Rōnin‟ entstammt der Edo-Zeit, ebenso die endgültige Form des Bushidō. Das romantisierte Bild vom Samurai, das wir heute haben, geht daher hauptsächlich auf die Edo-Zeit zurück.

Die Meiji-Restauration (Das Ende der Samurai)

Im Jahr 1868 wurde in Japan die Machtposition des Kaisers (jap. Tennō) wiederhergestellt. Japan wandelte sich zu einer konstitutionellen Monarchie nach westlichem Vorbild. 1876 schaffte der neue Kaiser Mutsuhito die Privilegien der Samurai komplett ab, das Tragen des Daishōs wurde verboten. Ein Jahr später kam es zum Satsuma-Rebellion, bei der eine Gruppe frustrierter Samurai sich gegen die Politik des Kaisers wandte – wenn auch nicht gegen den Kaiser selbst. Sie wurde am Ende von der modernen Waffen ausgestatteten, kaiserlichen Armee zerschlagen.

Erstmal bis hierhin. Im nächsten Artikel wird es dann um den Samurai-Film gehen. Lasst besser schon einmal den Blue-Ray-Player warmlaufen.

Also dann, sayōnara!

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