Tianxia #19: Samurai – Samurai auf der Leinwand

Was ist das Geräusch von zwei aufeinandertreffenden Schwertern?

Klirr?

Klingt eher, als hätte jemand die teuren Kristallgläser fallen lassen.

Schepper?

Ein aufgetürmter Haufen Metallreste stürzt in sich zusammen. Nicht eben ideal, um einen dynamischen Zweikampf zu vertonen.

Klang?

Hammer schlägt auf Amboss. Nah dran, aber noch nicht ganz auf den Punkt.

Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand…

Chanbara!

 

Na gut, zumindest für Japaner ist die Sache eindeutig (und wer sonst noch richtig gelegen hat, der bekommt einen Fatepunkt). Im Japanischen ist Chanbara (チャンバラ, eigentlich chanchan barabara) das Geräusch, das mehrere Schwerter machen, die aufeinander einschlagen. Von diesem lautmalerischen Begriff leitet sich auch der Name für historische, japanische Schwertkampffilme ab: Die Chanbara-Filme.

Chanbara kam in Japan in den 1950er und 1960er Jahren auf und ist ein ein Subgenre des Jidai Geki. Jidai Geki, grob übersetzt Historiendrama, umfasst alle Filme, deren Handlung sich in der fernen Vergangenheit Japans abspielt; im Gegensatz zum Gendai Geki, dem zeitgenössischen Drama. „Ferne Vergangenheit‟ ist im Jidai Geki dabei fast immer gleichbedeutend mit der Epoche der Samurai vom 11. bis zum 18. Jahrhundert.

Wem bei Jidai jetzt die Ohren klingeln: Der Begriff erinnert nicht nur zufällig an die Jedi-Ritter aus dem Star Wars-Universum: George Lucas ist nämlich ein großer Freund des asiatischen und besonders des japanischen Kinos. Er hat seine Weltraum-Saga deutlich ans japanische Kino angelehnt, besonders seine asketischen Laserschwert-Akrobaten.

Das Samuraifilm-Genre

Allerdings dürfte das Chanbara-Genre den größten Einfluss auf Lucas gehabt haben. Schlagende Schwerter sind nämlich nicht unbedingt die Lieblingsdisziplin des Jidai Geki. Von Haus aus ist das japanische Historiendrama eher arm an Action: Jidai Geki-Filme legen das Hauptaugenmerk auf romantische und politische Verwicklungen. Die Samuraizeit wird ausgebreitet wie eine Kulisse, vor der zwischenmenschliche Konflikte ausgespielt werden.

Der Chambara-Film, auch Ken Geki (dt. Schwertstück) genannt, schlug voll in diese Lücke. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte er sich als actionbetonte Alternative zum klassischen Jidai-Geki-Drama. In vielen Samurai-Filmen wird mit Blut nicht gegeizt, dafür ist Gewaltdarstellung im Vergleich zum Wuxia-Kino stilisiert und sehr minimalistisch: Wer sehen möchte, dass Leute auf Häuser springen oder Blitze aus ihren Schwertern feuern, der ist in China vielleicht besser aufgehoben. Chanbara-Animes lassen es aber durchaus schon einmal auf ein paar Spezialeffekte ankommen.

Der Fokus auf Action im Chanbara bedeutet übrigens nicht, dass die sozialen Konflikte des Jidai Geki ganz aus der Handlung verschwanden. Im Gegenteil, in Samurai-Filmen machen die Helden meist massive gesellschaftliche Umwälzungen durch. Nicht zufällig spielt ein Großteil der Chanbara-Filme vor dem Hintergrund der Tokugawa-Epoche. Der wandernde Rōnin, also der herrenlose Samurai, ist die typische Heldenfigur des Genres. Keinem Befehlshaber verpflichtet ist er frei von den Zwängen der japanischen Gesellschaft, aber trotz seiner Privilegien oft hoffnungslos verarmt. Er lässt sich einfach treiben – da passt die wörtliche Übersetzung von Rōnin, Wellenmensch, natürlich ins Bild.

Die Lieblinge des Westens

Dass der Samuraifilm auch bei Leinwand-Nerds im Westen bekannt ist, verdanken wir maßgeblich einem japanischen Regisseur: Akira Kurosawa. Sein Drama „Rashōmon‟ gewann 1951 den Goldenen Löwen in Venedig und ein Jahr später den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film‟. Das facettenreiche Jidai-Geki-Verwirrspiel gilt als ein Meilenstein der Filmgeschichte. Außerdem lenkte er die Aufmerksamkeit des Westens auf das japanische Kino.

Besonders ein Darsteller in „Rashōmon‟ profitierte vom Erfolg des Films: Toshiro Mifune. Er und Kurosawa setzten in den folgenden Jahren viele Projekte gemeinsam um. Mifunes expressives Schauspiel machte ihn international zum Star. Er brachte eine rohe, körperliche Präsenz und ein ausdrucksstarkes Mienenspiel auf die Leinwand. Es ist nicht übertrieben, Mifune als das Gesicht des Chanbara-Genres zu bezeichnen. Viele Film-Samurai wie Sanjuro oder Miyamoto Musashi verdanken ihre Unsterblichkeit Mifunes einzigartiger Verkörperung.

Wie Mifune die Darstellung von Samurai prägte, brachte Kurosawa neue Themen ins Genre ein. Sein Epos „Die Sieben Samurai‟ wird in der Filmlandschaft rauf- und runterzitiert und ist mit Sicherheit Kurosawas bekanntester Film – ein gern gesehener Eintrag auf jeder Movie Bucket List. Passend, denn gestorben wird in „Die Sieben Samurai‟ reichlich. Der Plot dreht sich um eine Gruppe von sieben Ronin, die ein Bauerndorf gegen jährlich einfallende Banditen verteidigen. Im Grunde handelt es sich bei diesen titelgebenden Samurai also um ein Chanbara-Ensemble. Das ist an sich schon eine Besonderheit: Die meisten Filme des Genres fokussieren sich ganz auf Einzelkämpfer. Für Rollenspiel-Gruppen ist „Die Sieben Samurai‟ daher eine prima Ressource.

Das Actiondrama „Yōjimbō‟ ist aus anderen Gründen sehenswert. Für diesen Film ließ Kurosawa sich vom amerikanischen Western inspirieren und zeichnete das Bild einer Samuraizeit im Niedergang. Der Samurai hat hier seinen Status als moralisches Leitbild und gesellschaftliche Elite eingebüßt: Was übrig bleibt, sind verlauste Herumtreiber mit scharfen Schwertern und großem Hunger. Sie kümmert nur, dass ein paar Ryō in den Beutel und Reis auf den Tisch kommt.

Kurosawas blutig-staubige Bildersprache fand im Westen eine begeisterte Anhängerschaft. George Lucas war wie gesagt ein Fan, dasselbe gilt aber auch für Sergio Leone und Clint Eastwood. Kurosawas Filme waren stilprägend für den Italo-Western, wo der herrenlose Samurai zum wandernden Outlaw umgedeutet wurde. „Für eine Handvoll Dollar‟ und „Die glorreichen Sieben‟ sind nichts anderes als Remakes von „Die Sieben Samurai‟ und „Yōjimbō‟, nur eben in der amerikanischen Prärie. In der Folge gab es eine fruchtbare Partnerschaft zwischen dem Chanbara-Film und dem Western. Auch bei anderen Regisseuren beeinflussten

Seine große Popularität im Westen wurde Kurosawa in Japan tatsächlich zum Teil negativ ausgelegt, orientierte sich seine Filmästhetik doch zunehmend an Hollywood. Tatsächlich war er zur Umsetzung seiner späteren Films „Kagemusha‟ und „Ran‟ auf Geld aus dem Westen angewiesen. Bewunderer wie George Lucas und Francis Ford Coppola sprangen bereitwillig für ihn in die Bresche.

Die Großen des Ostens

Es wäre aber falsch, den Chanbara-Film nur auf Akira Kurosawas Schaffen zu reduzieren. Tatsächlich ist die Riege der Samurai-Filmemacher zu groß, als dass man alle nennen könnte – und ich kenne selbst nicht alle. Ein paar Namen, will ich aber nicht unerwähnt lassen.

  • Hideo Gosha: Goshas Werke sind bei uns weitaus weniger bekannt als die Kurosawas, doch waren in Japan ähnlich wirkmächtig. Besonders „Goyokin‟ und „Hitokiri‟ sind echte Schmuckstücke des Genres. Der Wuxia-Regisseur Chang Cheh, Schöpfer des One-Armed Swordsman, hat sich stark von Goshas Arbeit beeinflussen lassen.
  • Kenji Misumi: Ein Name, den man sich nicht merken muss – einfach weil er bei gefühlt jedem zweiten, guten Jidai-Geki-Film in den Credits steht. Mehr als 30 Filme in 25 Jahren gehen auf seine Kappe – bei seinem Studio Daiei Films galt er aber als Trödler. Klassiker wie die Verfilmungen des Mangas „Lone Wolf and Cub‟, sowie viele Filme der „Zatoichi‟-Reihe sind von ihm (einen davon drehte er zusammen mit Regisseur Daisuke Itō, einem Chanbara-Pionier der Stummfilmzeit). Wer sehen will, wie ein japanischer Sandalenfilm der Marke „Ben Hur‟ oder „Die zehn Gebote‟ aussieht, dem sei Misumis „Buddha‟ ans Herz gelegt.
  • Hiroshi Inagaki: Vom Stummfilmschauspieler zum Chanbara-Regisseur: In den 20er Jahren spielte Inagaki noch in den Filmen von Autorenfilmer Kenji Mizoguchi mit, der ebenfalls für seine Historienfilme bekannt ist. Zusammen mit Toshiro Mifune setzte Inagaki aber viele Samurai-Filme um, darunter eine Filmtrilogie um den Samurai Miyamoto Musashi um. Der erste Teil erhielt sogar einen Oscar.
  • Kihachi Okamoto: Eigentlich für Satiren und schwarze Komödien bekannt, realisierte Okamoto mit „Sword of Doom‟ einen der zynischsten Samuraifilme aller Zeiten – die Szene am Ende, in der der Protagonist einen ganzen Samurai-Clan auslöscht, ist an blutigem Wahnsinn kaum zu überbieten.
  • Yōji Yamada: Auch wenn er schon über 70 Jahre lang Filme macht – die bekannte Chanbara-Trilogie Yamadas entstammen der letzten Dekade. Der erste Film der Trilogie, „Samurai der Dämmerung‟ räumte gleich12 Japanese Academy Awards ab. Rekord!

Das „names-dropping‟ könnte jetzt natürlich ewig so weitergehen. Erwähnenswert wären beispielsweise noch Kultregisseur Takashi Miike, der mit „13 Assassins‟ einen der besten Chanbara-Filme der neueren Zeit kreierte – inspiriert von Hideo Gosha. Oder Bond-Regisseur Terence Young, der mit „Red Sun‟ einen Samurai (natürlich gespielt von Mifune) in den Wilden Westen schickt, an der Seite von Charles Bronson. Und als letztes ein persönlicher Tipp: Lasst euch auf keinen Fall „Harakiri‟ von Masaki Kobayashi entgehen. Dieses bushidō-kritische Kammerspiel ist einer meiner absoluten Lieblings-Chanbara-Filme. Wer Schwarzweiß nicht mag: Mit der Neuverfilmung von Miike macht ihr auch nicht viel falsch.

Samurai im Anime

Der japanische Animationsfilm geht bei der Verfilmung von Chanbara-Stoffen eigene Wege. Die klassischen Themen und Handlungselemente des Genres werden hier buchstäblich überzeichnet: Um den Einfluss westlicher Technologie auf den Niedergang der Samurai zu thematisieren, reicht in Kurosawas „Yōjimbō‟ ein Bösewicht mit einem Revolver aus. In „Afro Samurai‟ muss es da schon eine Granatwerfer sein.

Überhaupt sind Science-Fiction oder Fantasy-Elemente in animierten Samurai-Geschichten sehr verbreitet – meist entlehnt aus der japanischen Folklore. In „The Hakkenden‟ zum Beispiel geht es um 8 reinkarnierte Krieger, die von einem Hund abstammen und sich gegen dämonische Mächte zur Wehr setzen. Eine Schippe drauf legen „Sengoku Basara‟ und die futuristische „Sieben Samurai‟-Umdeutung „Samurai 7‟. Hier brennen die Kämpfe Effektfeuerwerke ab, die jeden Superhelden neidisch machen.

Aber selbst dort, wo man sich mit Blitzen, Erdbeben und glühenden Augen zurückhält, sind die Schlagabtausche in Animes häufig viel bewegungsintensiver als in den Real-Verfilmungen. Das macht den Samurai-Trickfilm natürlich zur idealen Quelle für „Tianxia‟: Die Art, wie hier gestritten wird, ist deutlich näher an der Wuxia-Ästhetik als das typische Chanbara. Das wird besonders in Realverfilmungen von bekannten Animes deutlich. Das beste Beispiel: Die neuen „Rurouni Kenshin‟-Filme, basierend auf den Abenteuern des wohl bekanntesten Manga- und Anime-Samurai. Die Original-Serie lohnt sich da aber deutlich mehr.

Wer sich aber doch eher zum bodenständigen Chanbara hingezogen fühlt, der wird auch im Trickfilm-Genre fündig. „Shigurui‟ und „Saraiya Goyō‟ sind nur zwei Beispiele für eher zurückhaltende Anime (auch wenn ersterer immer wieder neue Wege findet, die Gewaltdarstellung noch expliziter zu machen). Spannend ist, dass der Zeichenstil beider Serien in eher gedeckten und blassen Farben gehalten ist und so ein wenig an die alten Schwarzweiß-Klassiker gemahnt. Das genaue Gegenteil geht natürlich auch: „Samurai Champloo‟ ist eine grelle Samurai-Road-Movie-Serie, die einen tollen Hip-Hop-Soundtrack auf der Tonspur auflegt. Historische Korrektheit? Nö, dafür aber die wohl lässigste Chanbara-Auskopplung im Japanime! Gebt euch das unbedingt!

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